Halle (Westf.): Mit der Sanierung eines alten, hochbelasteten Gerberei-Standorts machte der AAV die Erschließung eines neuen Wohngebiets möglich. Rund 100 Familien fanden inzwischen eine neue Heimat – naturnah und zugleich nah am Zentrum von Halle (Westf.).
Kurze Wege in die Innenstadt und zum Schul- und Sportzentrum, zugleich jedoch nah an der Natur: Vor allem bei jungen Familien war das Baugebiet für Ein- und Zweifamilienhäuser, das bis 2007 südlich des Zentrums von Halle (Westf.) erschlossen wurde, sehr gefragt. Die Voraussetzungen fürs gesunde Wohnen im Baugebiet „Bachweide“ hatte zuvor der AAV geschaffen: mit der Sanierung des ehemaligen Betriebsgeländes der „Wilhelm Imsande Lederfabrik GmbH & Co. KG“.
Knapp 100 Jahre lang stellte der Betrieb bis 1996 unterschiedliche Leder-Produkte her. Die Grundlage dafür waren Häute, die mit Chromsalzen gegerbt wurden. Dieses Verfahren ersetzte seit seiner Entdeckung im 19. Jahrhundert mehr und mehr die pflanzliche Gerbung, denn es verkürzte die Produktionszeit von mehreren Monaten auf wenige Tage. Der Nachteil jedoch: Einige Chrom-Verbindungen sind gefährlich für Mensch und Umwelt.
Hohe Belastung mit Chrom
Die Lederfabrik Imsande hatte ihre stark chromhaltigen Abwässer in den Kleinebach abgeleitet – allerdings nach Vorbehandlungen in Absetzbecken und -teichen, so dass im Laufe der Zeit große Mengen der Schadstoffe in den Untergrund gelangten. Das gut zwei Hektar große Betriebsgelände war deshalb bis in Tiefen von mehr als zwei Metern mit Chrom belastet. Daneben fanden sich auch hohe Konzentrationen an Quecksilber, Barium, Arsen und Mineralöl-Kohlenwasserstoffen.
Altlast hemmte Erschließung eines Wohngebiets
Da die ehemalige Lederfabrik in der einzig verbliebenen Entwicklungsachse des Ortskerns lag und da die Stadt Halle hier ein insgesamt rund neun Hektar großes Wohngebiet erschließen wollte, waren Sanierung und Flächenaufbereitung unumgänglich.
Kamin-Sprengung als Startschuss zur Sanierung
Also wandte sich die Stadt an den AAV, dessen Gremien der Aufnahme in den Maßnahmenplan zustimmten: Im März 2004 wurde ein öffentlich-rechtlicher Vertrag geschlossen und bereits Anfang 2006 war die Sanierung vollständig erledigt. Dazu gehörte zunächst der Rückbau der verbliebenen Fabrik-Gebäude samt Sprengung eines 37 Meter hohen Kamins. Dazu gehörte aber auch die Separierung und fachgerechte Entsorgung der belasteten Bausubstanz – von chromhaltigen Gerberei-Schlämmen bis zu PCB belasteten Wandputzen.
23.000 Tonnen belasteter Boden ausgetauscht
Für die anschließende Bodensanierung schob man zunächst das gesamte Gelände 30 bis 90 Zentimeter tief ab. Zudem tauschte man den belasteten Boden im Bereich der alten Absetzbecken bis in Tiefen von zweieinhalb Metern aus. So kamen insgesamt 23.000 Tonnen belasteter Boden zusammen. Rund 4.000 Tonnen davon enthielten mehr als 600 Milligramm Chrom pro Kilo und mussten in einer Aufbereitungsanlage in Duisburg behandelt werden, bevor sie auf einer Deponie landeten.
Große Nachfrage nach den Baugrundstücken
Die Nachfrage nach den rund 100 Grundstücken des gesamten Neubaugebiets Bachweide – 40 davon auf der sanierten Fläche der ehemaligen Lederfabrik – war groß: 2007 begann die Bebauung, bereits 2015 war das letzte Wohnhaus fertiggestellt. Seither entstanden südlich dieses Baugebiets weitere Streubebauungen und Siedlungssplitter, nördlich davon erschließt die Stadt Halle aktuell ein neues Wohngebiet.
Kleinebach nach Sanierung renaturiert
Parallel zur Errichtung der Ein- und Zweifamilienhäuser durfte direkt südlich und westlich des Baugebiets ab 2007 die Natur zurückkehren: Der Kleinebach wurde aus seiner schnurgeraden, befestigten Rinne befreit und suchte sich auf einer rund 1.000 Quadratmeter großen Fläche neben einem Mischwald ein neues, kurvenreiches Bett. Als Starthilfe pflanzte man Iris, Schilf und Kopfweiden sowie einige Apfelbäume in der Nähe der Hausgärten – ansonsten bleibt die Natur sich seither selbst überlassen. Einzige Ausnahme: Auf dem Spielplatz wird regelmäßig der Rasen gemäht.