Zweiter PFC-Workshop beleuchtet Probleme der Sanierungspraxis

PFC-Workshop
Die Teilnehmer des Workshops bei der Abschlussdiskussion

Kommunen, Industrie und Behörden suchen im World-Café gemeinsam nach Lösungen

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) sind ubiquitär vorhanden und in Hotspots für viele sanierungspflichtige Kommunen und Unternehmen ein Problem. Auf einem PFC-Workshop am 12. September 2019 haben Vertreter von Kommunen, Behörden, Beratern und Industrie beim AAV zentrale Fragen gemeinsam debattiert. Im Zentrum stand ein Informations- und Erfahrungsaustausch zum Umgang mit konkreten PFC-Schadensfällen: Welche Erfahrungen mit Planung und Umsetzung von Maßnahmen gibt es bereits? Wo tauchen Probleme bei der Bodensanierung und der Reinigung von Grundwasser auf? Welche administrativen Fragen müssen beantwortet werden, um Behandlung und Entsorgung fachgerecht durchzuführen ?

Die Eintragswege von PFC in die Umwelt sind vielfältig. Bekannt sind neben Einleitungen PFC-haltiger Abwässer relevanter betrieblicher Anwendungen (u. a. Textil, Papier, Galvanik) insbesondere Kontaminationen von Wasser und Boden durch PFC-haltige Schaumlöschmittel. Bei ubiquitären Befunden ist hingegen von PFC-Einträgen über die Luft auszugehen. Aufgrund ihrer Struktur sind die Verbindungen sehr stabil, zum Teil hochmobil, persistent und toxisch. Die Wasseraufbereitung wird zudem dadurch erschwert, dass die Substanzen im Grundwasser vielfach gemeinsam mit anderen organischen Verunreinigungen und Begleitstoffen auftreten. „PFC stellen daher besondere Herausforderungen an Erkundung, Analytik, Bewertung und Sanierung“, resümiert Stefan Schroers vom Umweltministerium NRW seine bisherigen Erfahrungen. Gleichzeitig ist eine Risikobewertung von PFC-Befunden ganz am Anfang unabdingbar.

Keine einzelne Behörde oder einzelnes Bundesland kann das Problem PFC allein bearbeiten und lösen. Vielmehr ist eine intensive Kommunikation zwischen Firmen, Forschung, Gutachtern, Sanierungspflichtigen, zuständigen Behörden und Fachbehörden essenziell. Bereits 2017 gab es einen ersten Workshop in NRW. In diesem Jahr haben AAV, das NRW-Umweltministerium, das Umweltamt der Stadt Düsseldorf und der Verband der Chemischen Industrie NRW Sanierungspflichtige sowie Sanierungsunternehmen, Berater und Behörden aus verschiedenen Bundesländern an einen Tisch gebracht.

Erstmals nutzte der AAV dafür das Format eines World-Cafés: Die Diskussion erfolgte in wechselnden Kleingruppen an insgesamt neun Themen-Tischen, die jeweils von einem Gastgeber betreut wurden.

Den rund 70 Teilnehmern erleichterte das Format den Umgang mit dem komplexen Thema PFC, indem es jedem Einzelnen innerhalb kurzer Zeit Einblick in unterschiedliche Bereiche der Sanierung erlaubte und die Vernetzung der Teilnehmenden untereinander förderte.

Deutlich wurde: Der Erfahrungsschatz ist weiter angestiegen. Dennoch gibt es auch 2019 noch wesentlich mehr Fragen als Antworten. PFC können bisher aufgrund ihrer hohen Stabilität mit In-situ-Verfahren weder biologisch noch chemisch oder thermisch eliminiert werden. Vor welchen Probleme Sanierungspflichtige in der Praxis stehen, zeigt das Beispiel der Stadt Düsseldorf. Sie gehört zu den wenigen Kommunen, die sich seit vielen Jahren systematisch mit ihren PFC-Altlasten beschäftigen. Dr. Inge Bantz vom Umweltamt der Stadt erläuterte beim Workshop: „Fluortenside sind mittlerweile nach chlorierten Kohlenwasserstoffen die zweitgrößte Schadstoffgruppe bei den Altlasten der Stadt.“

Für die „Verfahren Grundwassersanierung“ fasste Ingo Valentin vom Umweltamt der Stadt Düsseldorf die Ergebnisse der Themen-Tische zusammen. Für die Reinigung von Grundwasser wird bisher in aller Regel Kornaktivkohle in Druckfiltern eingesetzt und die Kohle nach maximaler Beladung thermisch reaktiviert. Aktivkohle zeigt vergleichsweise gute Reinigungsergebnisse vor allem bei größeren PFC-Molekülen. Kleinere Perfluoralkancarbon- und -sulfonsäuren können durch Ionenaustauscher gebunden werden. Darüber hinaus gibt es mehrere innovative Ansätze für eine Grundwassersanierung, beispielweise Nanoverfahren. Ob daraus wirtschaftliche Sanierungsverfahren entstehen, ist offen. Handlungsbedarf, so Valentin, sahen die Teilnehmenden insbesondere bei der Entwicklung allgemeingültiger PFC-Summenparameter, Analysemethoden für Precursorsubstanzen und eine Optimierung des Umgangs mit beladener Aktivkohle-Reaktivierung.

Auch bei den „Verfahren Bodensanierung“ ist der Forschungsbedarf nach wie vor groß. Die wichtigsten Fragen resümierte Mareike Mersmann vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW: So fehlen bislang geeignete Ableitungswerte für die Sanierungsverfahren für den Boden, die großtechnisch eingesetzt werden können. Daten über die allgemeine Hintergrundbelastung von Böden sowie über den Transferpfad Boden-Pflanze fehlen. Forschungsbedarf, betonte Mersmann, besteht auch für die Verwertung und Entsorgung von belastetem Material. Dazu gehören einheitliche Bewertungsmaßstäbe für die Deponierung und die Entsorgung von Boden und Reststoffen.

Nicht zuletzt stehen Behörden bei der administrativen Implementierung bei PFC vor besonderen Herausforderungen vor vielen offenen Fragen, fasste Stefan Schroers vom Umweltministerium NRW zusammen. Beispielsweise werden einheitliche Regelungen für eine Verwertung von Bodenmaterial benötigt. Derzeit werden vorläufige und orientierende Verwertungsregelungen aufgestellt, wobei vollständige und abschließende Werte aufgrund fehlender Hintergrundgehalte in Böden noch nicht abgeleitet werden können, Zwar gibt es erste Arbeitshilfen und Leitfäden, die Hilfestellung geben bei der Erkundung von Verdachtsflächen und der Erfassung von Belastungen. Unklar ist bislang, ob PFC bundesweit einheitlich über die geplante Mantelverordnung geregelt werden, die einheitliche Vorgaben für die Verwertung und Entsorgung belasteter Böden machen soll. Die Frage der Vorsorge, so betonte Schroers, erscheint vielen Kommunen und Behörden beim Thema PFC als zentrale Herausforderung. Dazu gehöre ein umfassendes Monitoring der Verwertung. Wichtig ist aber auch die konsequente Nutzung von vorhandenem Deponieraum für höher belastete Fraktionen. Zudem wurde herausgearbeitet, dass sich die Vorgehensweise bei der Ableitung von einzelfallbezogenen Sanierungszielen bei PFC-Fällen nicht unterschiedlich gegenüber anderen Schadstoffen darstellt. Voraussetzung ist die einzelfallbezogene Begründung und die Verhältnismäßigkeit.

Dr. Carla Ralfs, die sich beim VCI-NRW mit PCF beschäftigt, warnte vor zu anspruchsvollen Zielwerten und allgemeingültigen Anforderungen. „Bewertungskriterien an einem bestimmten Ort müssen nicht überall Gültigkeit haben.“ Bei Vorgaben aus Arbeits- und Vollzugshilfen sei es wichtig, auch die Fachleute aus der Industrie miteinzubinden. „Wir benötigen praktikable und nachhaltige Handlungsoptionen für die Einzelfallbetrachtung.“

Der Workshop machte deutlich: PFC werden sanierungspflichtige Kommunen und Unternehmen sowie Sanierungsfirmen noch lange beschäftigen. Viele hoffen auf ein dringend erforderliches und groß angelegtes Verbundprogramm des Bundesforschungsministeriums, das wissenschaftliche Fragen klären hilft und ein einheitliches Vorgehen voranbringt. Gleichzeitig benötigen Kommunen möglichst schnell Hilfe beim Umgang mit ihren Altlasten. Die zentrale Frage wird sein: Wo liegt der goldene Mittelweg zwischen einer notwendigen Standardisierung von Methoden, Prozessen und Zielwerten und der Bewertung und Gefahrenabschätzung für den jeweiligen Einzelfall? Schroers formulierte es positiv: „Je intensiver wir uns mit PFC beschäftigen, umso klarer wird, wo wir ansetzen müssen.“ (cf)

Ein ausführlicher Bericht wird in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift altlasten spektrum erscheinen.

Ergebnisbericht des Workshops 2017: https://www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanuv/altlast/20171214_Ergebnisbericht_PFC_in_Boden_und_Grundwasser.pdf

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