AAV-Fachtagung „Boden und Grundwasser“ beleuchtet Neuentwicklungen in Gesetzgebung und Praxis

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von Christa Friedl, Wissenschaftsjournalistin

Böden sind Lebensgrundlage und Schutzgut, zugleich aber auch eine Herausforderung für Sanierung und Flächenrecycling: Bei der Fachtagung „Boden und Grundwasser“ des AAV – Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung informierten sich am 27. Januar über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über neue politische Entwicklungen im Bodenschutz und aktuelle Themen der Praxis.

EU plant Bodengesundheitsgesetz

Der Wert von Böden ist kaum zu überschätzen: Sie sind nicht nur Siedlungsfläche und Grundlage für wirtschaftliche Aktivitäten, sondern unverzichtbar für Klimaschutz und Artenvielfalt, für Kreislaufwirtschaft und die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Im November vergangenen Jahres hat die EU-Kommission daher eine „Bodenstrategie bis 2030“ angekündigt. Bis 2023 soll ein Vorschlag für ein neues EU-Bodengesundheitsgesetz vorliegen.

Die Ziele aus Brüssel tangieren an vielen Stellen die Arbeit des AAV: Die EU sieht beispielsweise eine Flächenverbrauchshierarchie vor, um die Wiederverwendung vorgenutzter, erschlossener Flächen zu fördern und den Neu-Verbrauch zu senken. Geschädigte Böden sollen wiederhergestellt und kontaminierte Flächen saniert werden. Zudem zieht die Kommission einen „Bodenpass“ in Erwägung, der die Wiederwendung von Bodenaushub vereinfachen soll. Das Gesetz will Vorgaben für ein Altlasten-Inventar machen und bis 2050 sollen diejenigen Flächen saniert sein, die ein beträchtliches Risiko für Mensch und Umwelt darstellen.

„Auch wenn Details und Maßnahmen noch offen sind, ist unbestritten, dass die EU ohne ambitionierten Bodenschutz ihre Ziele des Green Deal nicht verwirklichen kann“, betont Prof. Dr. Jens Utermann vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW (MULNV).

Vorbereiten auf die Mantelverordnung

Auch das Bundesumweltministerium ist in Sachen Boden aktiv. Es will bis Ende 2022 einen Referentenentwurf zur Novellierung des Bundesbodenschutzgesetzes (BBodSchG)  vorlegen, um das Gesetz an die Herausforderungen von Klimaschutz und Biodiversität anzupassen. Die Novelle soll u. a. Böden vor stofflichen Einträgen besser schützen und die Vorsorge im nicht-stofflichen Bereich stärken. „Was durchsetzbar sein wird, bleibt abzuwarten“, so Utermann. Knifflig sind in seinen Augen vor allem die Schnittstellen zu anderen (Rechts)-Bereichen wie Baurecht oder Landwirtschaft.

Die kommenden eineinhalb Jahre sind für alle, die mit Sanierung und Verwertung von Boden, Bauschutt und Aushub zu tun haben, eine wichtige Zeit: Zum August 2023 tritt die Mantelverordnung in Kraft. Sie regelt Verwertung und Einbau von Recyclingbaustoffen und Bodenmaterial, Analytik und Klassifizierung, Dokumentations- und Anzeigepflichten. „Einige Änderungen vor allem bei den Pflichten zur Dokumentation sind umfangreich, so dass man sich frühzeitig damit beschäftigen sollte“, empfiehlt der Essener Fachanwalt Nikolaus Steiner. Anhand von Neuerungen in der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBodSchV) stellte er die Auswirkungen auf die Altlastenbearbeitung und das Flächenrecycling dar.

Kempen: Blick in die Tiefe

An einem für die Praxis zentralen Punkt ändert die Mantelverordnung wenig: Die Sanierung von Altstandorten ist und bleibt eine Einzelfallentscheidung, für die individuell Maßnahmen für Sicherung, Sanierung und Nachsorge entwickelt werden müssen. Das belegen zwei laufende AAV-Projekte, die auf der Tagung vorgestellt wurden.

Seit 2010 saniert der AAV in Kooperation mit dem Kreis Viersen und der Stadt Kempen einen Altstandort, der durch eine ehemalige chemische Reinigung massiv mit chlorierten Kohlenwasserstoffen belastet wurde. Die Schadstoffahne erstreckt sich über 2,3 Kilometer in der Länge und bis zu einem Kilometer in der Breite unter der Stadt. Bodenluftabsaugung, Aushub und in-situ-chemische Oxidation haben die Belastung zwar verringert, aber bei weitem noch nicht beseitigt.

Die Belastung zeigt ein komplexes Profil aus oberflächennahen und tiefen, aus zentralen und am Rand liegenden Bereichen. Das Perchlorethylen (PCE) im Grundwasser wird durch Mikroorganismen sowohl anaerob als auch aerob zerlegt. Um die unterschiedlichen Abbauprozesse besser zu verstehen, setzen Experten am Technologiezentrum Wasser (TZW) in Karlsruhe moderne Analysemethoden ein. Untersuchungen von Schadstoffabbau und Redoxprozessen in Mikrokosmen dienen zum Nachweis natürlicher und stimulierter mikrobiologischer Abbauprozesse. Durch Isotopenfraktionierung beispielsweise kann der aerobe vom anaeroben Abbau unterschieden werden. „Es zeigt sich, dass insbesondere im Randbereich der Fahne das PCE durch natürlichen aeroben Abbau verringert wird,“ betont Axel Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am TZW.

Hilfreich für das Verständnis der mikrobiologischen Prozesse ist zudem ein von dem Geoökologen Dr. Wolfgang Schäfer eingesetztes Strömungs- und Transportmodell. Nach Verifizierung und Validierung des Modells in mehreren Kontrollebenen können Prozesse und Transport im Multi-Spezies-Modell dargestellt werden. Ziel ist es, Prognosen zu unterschiedlichen Sanierungsszenarien abzuleiten.

Düren: Gefahr durch sauren Austrag?

Ein komplexer Fall ist auch die Sanierung der Bergehalde Beythal in Düren. In die Halde wurden 3,7 Mio. m3 Flotationsrückstände, Sande und Erzreste aus dem ehemaligen Blei-Zink-Bergbau verfüllt. Für die Entwicklung eines Sanierungskonzepts müssen die Spezialisten auch hier genau hinsehen. Im Zentrum steht die Frage: Reicht das Puffervermögen der Ablagerungen auf lange Zeit aus, um den schwefelsauren Austrag von Schwermetallen zu verhindern?

Dafür nahmen Experten der RWTH Aachen von einem Team um Prof. Dr. Thomas Rüde an drei Stellen der Halde 90 cm lange Bohrkerne und analysierten die Säurebildung im Porenwasser. Für die Messung von Elementkonzentrationen und die exakte Untersuchung der chemischen Zusammensetzung der Mineralien kamen moderne Analysemethoden wie Elektronenstrahlmikrosonde, Elektronenspektroskopie und Röntgenfluoreszenz zum Einsatz. Die gemeinsamen Arbeiten der RWTH und des Ingenieurbüros Heitfeld-Scheteling zeigen, dass in der Halde auch langfristig kein Austrag giftiger Schwermetalle droht. „Das Pufferpotenzial ist größer als erwartet“, sagt Dr. Peter Rosner vom Ingenieurbüro Heitfeld-Schetelig. Für die Zukunft sehen die Experten einen Dreiklang aus Fassen, Aufbereiten und Mindern des Sickerwassers – ein Konzept, das nicht nur ein erfolgreiches, sondern auch ein wirtschaftliches Vorgehen verspricht.

Ein ausführlicher Bericht von der Tagung erscheint in der Zeitschrift altlasten spektrum 2/2022

AAV-Mitglieder können sich alle Vorträge im Mitgliederportal (AAV-Fachtagungen) herunterladen.

 

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