AAV-Fachtagung „Boden und Grundwasser“ widmet sich insbesondere Asbest und PFC

Fachtagung in Hattingen
Fast 250 Teilnehmer kamen zur AAV-Fachtagung nach Hattingen

Ein Jour Fix für viele Sanierungspflichtige und Sanierungskundige ist mittlerweile die AAV-Fachtagung „Boden und Grundwasser“, die sich einmal im Jahr aktuellen Herausforderungen in der Altlastensanierung und dem Flächenrecycling stellt. Die Resonanz war auch 2020 wieder sehr groß: Knapp 250 Besucherinnen und Besucher informierten sich am 29. Januar im LWL-Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen über neue politische Entwicklungen und drängende Probleme durch Schadstoffbelastungen in Boden, Grundwasser und Luft.

Über den Stand der lang verhandelten Mantelverordnung informierte Prof. Jens Utermann vom Düsseldorfer Umweltministerium. Das Bundesumweltministerium habe intern deutlich gemacht, dass es bis Ende März von den Ländern eine klare Entscheidung erwartet. Einige Länder plädieren dafür, nur die novellierte Bundesbodenschutzverordnung erneut ins Gesetzgebungsverfahren einzubringen. Laut Utermann wäre aber nur das Gesamtpaket aus Bodenschutzverordnung und neuer Ersatzbaustoffverordnung ein wirklicher Fortschritt: „Ich hoffe sehr, dass sich dafür in den kommenden Wochen noch eine Ländermehrheit findet.“

Im Fokus der Fachtagung standen zwei problematische Materialgruppen, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben: das faserförmige Mineral Asbest, das wegen seiner Krebsgefährlichkeit als Baustoff seit langem verboten ist und die große Gruppe der synthetischen per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC), die teilweise bis heute in Feuerlöschmitteln und der Textil-, Papier- und Galvanikindustrie eingesetzt werden. Auf den zweiten Blick gibt es aber durchaus Schnittmengen: Beide Stoffgruppen sind weit verbreitet, für den Menschen gefährlich und nur mit hohem technischen und finanziellen Aufwand aus der Umwelt wieder zu beseitigen.

„Asbest ist bei Sanierung und Rückbau von Gebäuden immer noch ein großes Thema“, konstatierte Andreas Feige-Munzig, Schadstoffexperte bei der Berufsgenossenschaft Bau. 2019 wurde die für Asbestarbeiten maßgebliche TRGS 519 novelliert. Sie fasst den Begriff „Abbrucharbeiten“ und die Liste der asbesthaltigen Baustoffe weiter als bisher. So gehören künftig auch asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber zu den Materialien, bei denen emissionsarme Rückbauverfahren und ausreichende Qualifizierung der Handwerker vorgeschrieben sind. „Das nimmt viele Handwerker in die Pflicht, die mit den Gefahren durch Asbest nicht vertraut sind“, so Feige-Munzig. Aus Sicht der Berufsgenossenschaft ist daher die systematische Schulung und Qualifizierung unabdingbar.

Auch Klaus Blomquist vom Ingenieurbüro Altenbockum & Blomquist sieht, dass die Sanierungspraxis immer komplexer wird. „Wir sind zwar heute in der Lage, sehr exakt den Fasergehalt zu messen und genau zu beproben, oft aber hilft das im konkreten Fall nicht weiter.“ Das Hauptproblem seien oft verdeckt eingebaute, asbesthaltige Teile, die sich nur schwer oder gar nicht vom unbelasteten Material trennen lassen, was zu Belastungen im Bauschutt führen kann. Darin steckt die Gefahr, dass die Akzeptanz gegenüber Recyclingbaustoffen weiter sinken könnte. „Mineralische Reststoffe werden dann nicht mehr verwertet, sondern immer mehr auf die Deponie verlagert“, warnte Blomquist. Um dem vorzubeugen, müsse der Gesetzgeber „untere Abschneidekriterien“ erarbeiten. Sie könnten dabei helfen, eine klare Grenze zwischen Verwertung und Entsorgung zu ziehen.

Nicht weniger komplex sind Schadensfälle durch per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC). Hier spielt vor allem die Frage der Hintergrundbelastung eine Rolle. Sie ist entscheidend für die Bewertung und Sanierungsplanung, aber auch für die Verwertung von PFC-haltigem Bodenmaterial. NRW und Baden-Württemberg haben dazu erste Untersuchungen durchgeführt. In NRW wurden erstmals 20 Ackerflächen verdachtslos beprobt. Die Ergebnisse zeigen, dass die mittlere Belastung bei etwa 200 ng/l Eluat liegt. „Dieser Wert entspricht in etwa den Ergebnissen von Analysen in Baden-Württemberg“, resümierte Stefan Schroers vom Referat Bodenschutz und Altlasten im Umweltministerium NRW. Die Resultate der Messungen deuten darauf hin, dass der atmosphärische Eintragspfad für die ubiquitäre Verteilung der Chemikalien eine große Rolle spielt.

PFC können wegen ihrer hohen Stabilität bisher mit In-situ-Verfahren weder biologisch noch chemisch oder thermisch eliminiert werden. Ein einfacher Bodenaustausch kommt selten in Frage, denn er wirft die Frage auf: Wohin mit dem Material? „Es gibt derzeit in Deutschland nur zwei Deponien, die PFC-haltigen Boden überhaupt annehmen“, berichtete Dr. Michael Reinhard vom Planungs- und Beratungsunternehmen Arcadis. Bodenwäsche komme dann in Frage, wenn der Feinkornanteil maximal bei zehn Prozent liegt, Immobilisierungsverfahren haben den Schwachpunkt, dass die gebundenen PFC mittel- und langfristig wieder desorbieren können.

Meist werden für die Grundwassersanierung daher Aktivkohlefilter und Ionenaustauscher eingesetzt, allerdings sind auch neue Verfahren in Entwicklung. Thomas Mayer-Gall vom Deutschen Textilforschungszentrum präsentierte auf der AAV-Tagung neuartige Textilgewebe, die spezifisch PFC absorbieren können. Dafür haben die Textilexperten PET-Fasern an der Oberfläche chemisch so modifiziert, dass sie kurz- und langkettige PFC aus dem Grundwasser binden. Erste Feldversuche sind in Planung, die zeigen sollen, ob die Gewebeabsorber für den praktischen Einsatz leistungsfähig genug sind.

„Bei PFC gibt es vor allem großen Handlungsbedarf im Vollzug“, betonte Schroers. Voraussichtlich im März wird das Umweltbundesamt eine neue Arbeitshilfe zum Sanierungsmanagement veröffentlichen. Zudem erarbeitet eine Fachgruppe aus Vertretern der drei Länderarbeitsgemeinschaften Boden, Wasser und Abfall derzeit im Auftrag der Umweltministerkonferenz bundeseinheitliche Leitlinien.

Die Frage des Vollzugs ist auch entscheidend, wenn es um die Verhinderung neuer Altlasten geht. Das machte Jörg Frauenstein vom Fachgebiet Bodenschutz im Umweltbundesamt am Beispiel der europäischen IED-Richtlinie deutlich. Die IED-Richtlinie von 2010 fordert die Erstellung eines sogenannten Ausgangszustandsberichts (AZB) und die Durchführung von Überwachungsmaßnahmen. Über Umfang und Intervalle der Überwachung sind sich Betreiber und Behörden nicht immer einig. Daher hat eine Redaktionsgruppe der Bund-Länderarbeitsgemeinschaften Boden, Wasser und Immissionsschutz eine „Arbeitshilfe Überwachungsauflagen für Boden und Grundwasser“ vorgelegt.

„Die Arbeitshilfe macht deutlich, dass eine Verpflichtung zur wiederkehrenden Überwachung von Boden und Grundwasser unabhängig vom Vorliegen eines AZB besteht“, betonte Frauenstein. (cf)

Ein ausführlicher Bericht von der Tagung erscheint in der Zeitschrift altlasten spektrum.

Zurück